Realität bei Messerangriffen

von Norbert Tannert

Verteidigung gegen Messerangriffe – Realität statt Fantasy Island...

Speziell in der jüngeren Vergangenheit konnte man eine Zunahme von Videos vieler Kampfsportarten feststellen, die sich mit der Verteidigung gegen Messerangriffe beschäftigen. Hierbei sind auch viele Videos aus dem Bereich des Systema zu finden. Es handelt sich dabei sowohl um Trainingsvideos, wie auch Lehrvideos gleichermaßen.

Da die Anzahl von Messerattacken in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren alarmierend angestiegen ist, ist die Beschäftigung mit diesem Thema selbstverständlich auch deutlich stärker geworden. Leider stellt sich aber auch heraus, dass es einen gleichfalls alarmierenden Mangel an Realitätsbewußtsein gibt, wenn es um das Training rund um die Abwehr von Messerangreifern geht. Dies trifft leider auch auf manche Systema-Trainingsansätze zu, obwohl meines Erachtens, Systema eine perfekte Basis für die Beschäftigung mit realistischen Angriffen (generell und natürlich auch bei Messerangriffen) bietet.

Es gibt verschiedene Gründe für diesen Umstand, die ich nicht zu weit im Detail behandeln möchte. Was sicher in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle spielt, ist der Erfahrungsschatz des jeweiligen Trainers oder in diesem Fall besser formuliert, der „Unerfahrungsschatz“.
Tatsache ist, dass die wenigsten Trainer (glücklicherweise) jemals an einer realen Auseinandersetzung gegen einen, mit einem Messer bewaffneten Angreifer teilgenommen haben. Allerdings führt dies automatisch auch dazu, dass bestimmte Erfahrungen, die nur in einer solchen Situation gewonnen werden können, dann ganz einfach nicht vorhanden sind.

Aus diesem Grunde möchte ich ein paar, wie ich denke, essenzielle Hinweise zum Thema Realität bei Messerattacken geben.

Grundsätzlich müssen wir uns die wesentlichen Faktoren klarmachen, die die Möglichkeiten einer Abwehr eines Messerangreifers entscheidend beeinflussen.

1.
In den allermeisten Fällen (über 80%) bemerkt das Opfer eines Messerangriffs gar nicht, dass während des körperlichen Angriffs ein Messer eingesetzt wird. Häufig bemerkt das Opfer sogar zunächst nicht einmal, dass er während der Attacke durch das Messer (möglicherweise sogar schwer) verletzt wurde. Dies ist auch der Grund dafür, warum Polizeibeamten nach einer Konfrontation mit einem Messerangreifer empfohlen wird, sich gegenseitig auf mögliche Verletzungen zu kontrollieren.
Aber wie sich gegen einen Angriff verteidigen, den man zum Zeitpunkt des Geschehens, gar nicht als solchen bemerkt?
Die Antwort ist in diesem Fall tatsächlich verhältnismäßig einfach.
Man sollte grundsätzlich jedem körperlichen Angriff so begegnen, als würde er mit einem Messer ausgeführt. Dies klingt vielleicht ein bisschen vage, daher möchte ich es an einem Beispiel erläutern.
Wenn Ihr das nächste Mal in Eurem Training mit einem Faustschlag konfrontiert werdet, stellt Euch einfach nur einmal kurz vor, wie Eure Reaktion wäre, wenn der Faustschlag mit einem kurzen Messer in der Hand des Angreifers ausgeführt würde.
Wäre Eure Reaktion und Bewegung, als Reaktion auf den Angriff die gleiche, wie im Falle eines „normalen“ Faustschlages?
Falls nein, solltet Ihr Eure mentale Einstellung zu körperlichen Angriffen grundsätzlich überdenken und zwar im Sinne dessen, was ich weiter oben bereits beschrieben habe. Da es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass man den Angriff mit einem Messer zunächst nicht als solchen erkennt, macht es keinen Sinn, sich mental (und praktisch) ausschließlich mit einer „Schlagabwehr“ zu beschäftigen, auch wenn man davon ausgeht, dass es sich „nur“ um einen solchen Angriff handelt.

2.
Der psychologische Druck der entsteht, wenn man einem mit einem Messer bewaffneten Angreifer gegenübersteht, der das eigene Leben bedroht und darüber hinaus, die Brutalität und Aggression, die notwendig ist, um einen solchen Angriff überhaupt auszuführen, „treffen“ den Verteidiger möglicherweise deutlich vor dem Zeitpunkt, an dem der eigentliche Angriff stattfindet.
Dies kann dazu führen, dass der Verteidiger aus Panik nicht mehr in der Lage ist, sich überhaupt zu bewegen, geschweige denn einen Angriff abzuwehren, obwohl er dazu im Training, ohne diese Umstände, sehr wohl in der Lage wäre.

Es ist sehr schwierig, bis nahezu unmöglich, eine solche Situation im Training herbeizuführen, auch wenn manche Kampfsportarten durch viel Stress und Schreierei beim Training dies simulieren möchten.
Tatsache ist, dass es am Ende immer eine Trainingssituation bleiben wird, in der der Trainierende nicht in Lebensgefahr ist.
Beim Training von Spezialeinheiten beispielsweise wird, trotz allen Trainings bis zu diesem Zeitpunkt, die endgültige Entscheidung, ob ein neues Mitglied in die Einheit aufgenommen wird, unter anderem immer auch erst dann getroffen, wenn der „Neue“ sich in einem „scharfen“ Einsatz bewährt hat.
Es gibt Dinge, die man im Training nicht komplett simulieren kann und der reale Angriff mit einem Messer gehört in gewisser Weise auch dazu.

3.
Der Messertyp der bei Angriffen mit Abstand am häufigsten zum Einsatz kommt, ist nicht etwa ein „Kampfmesser“ oder sonstige Merkwürdigkeiten, sondern normale Küchenmesser, Schraubenzieher, Scheren, etc. Eben ganz normale Haushaltsartikel, wie sie überall vorhanden und damit griffbereit sind und bei der Tatausführung keine große Planung erfordern.

4.
Die geschmeidigen und entspannten Bewegungsformen, die typisch für Systema-Bewegungen sind, bilden eine notwendige Voraussetzung für die Abwehr eines Messerangriffs in der Nahdistanz.
Ein gängiger Fehler ist es aber, Übungen zur Verbesserung dieser Bewegungen mit einer realen Abwehr eines Messerangriffs zu verwechseln.
Zum Beispiel ist das wiederholte Ausweichen gegen eine ganze Folge von Messerangriffen eine Übung und wird in dieser Form NIEMALS zur Abwehr eines realen Angriffs geschehen. Der Sinn dieser Übung besteht darin, den Körper auf Angriffe aus nahezu jedem Winkel vorzubereiten und ihn in die Lage zu versetzen, DEM ERSTEN Angriff, gleich aus welcher Richtung, auszuweichen und weitere Angriffe durch einen nahezu gleichzeitigen, gezielten Gegenangriff zu verhindern. Die Chance mehreren, hintereinander erfolgenden Messerangriffen auszuweichen, verringert sich mit jedem einzelnen dieser Angriffe drastisch.


5.
Ein nahezu zeitgleicher Gegenangriff, als Reaktion auf einen Messerangriff ist entscheidend, für eine erfolgreiche Abwehr. Der Gegenangriff muss den Angreifer unmittelbar von weiteren Angriffen mit dem Messer abhalten. Dies kann in der Regel nur erreicht werden, wenn der Gegenangriff gegen körperliche Vitalzonen geführt wird. Hierzu zählen in erster Linie der Hals, die Augen, die Nase und die Ohren des Angreifers. In vielen Systema-Videos sieht man von den Verteidigern oft Faustschläge zum Körper des Angreifers, aber wenn Euer Name nicht Mikhail oder Vladimir ist, solltet ihr dies nicht tun.
Selbst wenn ihr im Training durch diesen Schlag den Angreifer davon abbringt, weiter anzugreifen (oder schwer zu atmen), so heißt das noch lange nicht, dass dies im Falle eines alkoholisierten oder unter Drogen (oder beides) stehenden Angreifers genauso ist.
Stattdessen sollte man versuchen präzise Konterschläge im Muskelgedächtnis zu verankern. Wichtig ist, dass man in der Lage ist, diese Schläge aus jeder Position der Hände, präzise ins Ziel zu bringen (nicht immer in einer Angriffssituation sind die Hände in einer für den Verteidiger günstigen Position). Dies ist keine Frage von Geschwindigkeit, sondern von Präzision. Daher ist es wichtig, Übungen zu diesem Komplex am Anfang langsam auszuführen. Wen Bewegungen dieser Art im Muskelgedächtnis verankert sind, ist es kein Problem, diese auch schneller auszuführen. Allerdings sind sie dann noch immer präzise. Wenn man dies umgekehrt macht, so ist der daraus resultierende Schlag zwar vielleicht schnell, aber unpräzise und die gewünschte Wirkung beim Angreifer bleibt möglicherweise aus. Fatal, bei einem Messerangriff.

6.
Während der gesamten Verteidigungsaktion ist es unerlässlich, das Messer in der Hand des Angreifers zu „kontrollieren“. Kontrolle kann beispielsweise durch das „covern“ des Messerarms mit Hand, Arm, Körper oder jedem anderen Körperteil aufgebaut werden. Entscheidend ist, dass man zu jedem Zeitpunkt weiß, wo sich das Messer befindet und in welche Richtung es sich bewegt. Selbstverständlich sollte diese Art des „coverns“ so subtil ausgeführt werden, dass der Angreifer dies im besten Fall überhaupt nicht bemerkt. Verliert man während der Abwehraktion den Kontakt zum Messer, entsteht eine Lücke in Eurer Verteidigung, in die der Angreifer hineinstoßen kann (und wird!). Dies ist, speziell in einer sehr engen Distanz fatal, da die visuelle Wahrnehmung in diesem Fall, viel zu langsam für etwaige Reaktionen ist.

Es gäbe sicherlich noch sehr viel mehr zu diesem Thema zu sagen, aber wenn Ihr Euer Training ein wenig an den beschriebenen Dingen ausrichtet, solltet Ihr ein einigermaßen zufriedenstellendes Ergebnis zum Thema Realismus bei Messerangriffen erhalten.
Auf der anderen Seite, wie bereits erwähnt, weiß man nie, wie die Reaktion wirklich sein wird, bis man in dieser Situation steckt.
Und das ist etwas, was Ihr bestimmt nicht wollt, garantiert!

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