Stress im realen Kampf
von Norbert Tannert
Wie Stress die Möglichkeiten des Verteidigers in einer realen Auseinandersetzung beeinflusst
Stress ist, nach meiner Erfahrung, einer der bislang in Kampfkünsten mit am wenigsten beachtete Faktor. Dies ist umso verwunderlicher, wenn man bedenkt, dass Stress entscheidend ist, wenn es darum geht, wie eine reale körperliche Auseinandersetzung mit einem oder mehreren hochaggressiven Angreifern für den Verteidiger endet.
Ich betone hier ausdrücklich real, denn in den meisten Fällen sind das Training der Kampfkünste und eine reale Auseinandersetzung mit möglicherweise schwerwiegenden Konsequenzen für den Verteidiger (schwere Verletzung bis hin zum Tod oder aber schwerwiegende strafrechtliche Konsequenzen bei einer schweren Verletzung des Angreifers) zwei völlig verschiedene Dinge.
Lassen sie sich nicht täuschen, jedwede Form wettkampfspezifischen Kampfsports (auch die sogenannten Käfigkämpfe) haben mit einer realen Auseinandersetzung wenig zu tun.
In keinem Wettkampf beispielsweise hat man es mit der Erkenntnis zu tun, dass der Angreifer im nächsten Moment alles tun wird, um das eigene Leben auszulöschen oder einen schwer zu verletzen.
In keinem Wettkampf hat man es mit einem Angreifer zu tun, dessen umnachteter Geisteszustand dazu führt, dass er plötzlich über ein vielfaches an Körperkräften zu verfügen scheint und gegenüber Verletzungen oder zugeführtem Schmerz völlig unempfindlich ist.
Die Erkenntnis trifft den unvorbereiteten Verteidiger zumeist wie ein Keulenschlag, spätestens dann, wenn die im Training immer zum Erfolg führende Technik bei dem tobenden Angreifer wirkungslos verpufft und ihn in keiner Weise beeindruckt.
Spätestens ab diesem Zeitpunkt setzen bei dem Verteidiger stressbedingte Ausfälle ein, die seine Verteidigungsfähigkeit in erheblichem Umfang beeinflussen.
Unzählige große Meister der Kampfkünste haben endlose Zeit damit verbracht, ihre technischen Fertigkeiten (und die ihrer Schüler) zu vervollkommnen, wenige jedoch haben einen Gedanken daran verschwendet, dass die Anwendung dieser Fertigkeiten in einer eventuell lebensbedrohlichen Selbstverteidigungssituation möglicherweise vollkommen blockiert sein könnte.
So ist es auch zu erklären, dass in einer Situation wie gerade beschrieben, selbst versierte Kampfsportler nach jahrelangem Training von einem simplen Straßenschläger der möglicherweise nur über einen Bruchteil der technischen Fähigkeiten des Kampfsportlers verfügt, besiegt werden können.
Der Grund für diese Blockade ist in den meisten Fällen der Stress, dem der Verteidiger in einer solchen Situation ausgesetzt ist. Um dies zu verstehen, muss man ein klein wenig in die Erforschung des Phänomens „Stress“ eintauchen und wissen, welche Auswirkungen Stress auf die (motorischen) Fähigkeiten des Menschen hat.
Am Beispiel einer simplen Bedrohungssituation sei die Auswirkung von Stress auf einen potentiellen Verteidiger nachfolgend etwas näher erläutert.
Stellen sie sich vor, in einer dunklen Seitenstraße kommt ihnen eine Person entgegen, dunkle, abgerissen wirkende Kleidung, hochgezogene Kapuze, man kann das Gesicht nicht wirklich erkennen, kurz bevor sie die Person passieren, stellt dieser sich ihnen plötzlich in den Weg, sie erkennen in seiner rechten Hand etwas Blitzendes, ein Messer... die Person schreit sie lautstark an...
Zunächst ist es nützlich zu wissen, welche Prozesse in einer solchen Situation bei einem Menschen ablaufen.
Das menschliche Auge sendet pro Sekunde etwa 2 - 3 Millionen Informationen an das Gehirn. Eine bewusste Verarbeitung von Informationen der Sinnesorgane (also nicht nur der Augen sondern auch aller anderen Sinnesorgane, wie Tastsinn, Gehör, Geschmack) ist aber nur mit ca. 7 Informationen möglich.
Es ist daher notwendig, dass das Gehirn gewisse Filterfunktionen einsetzt, um die Anzahl der eingehenden Informationen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Solche Filter können z.B. Gewohnheiten sein, die im alltäglichen Übertragungsbild nicht mehr bewusst wahrgenommen werden. (Gegenstände, Personen etc. die mit der Situation als „normal“ identifiziert werden).
Eine weitere wichtige Filterfunktion ist die Fixierung der Sinnesorgane auf „unbekannte“ oder als „gefährlich“ eingestufte Reize. Sobald ein Reiz als „gefährlich“ eingestuft wird, treten alle anderen Wahrnehmungen zugunsten der genauen Erfassung des „gefährlichen“ Reizes zurück.
Dies betrifft alle Sinnesorgane nicht nur das Auge. Es entsteht der sogenannte „Tunnelblick“ ein Ergebnis der Fixierung auf den für „gefährlich“ gehaltenen Reiz.
In Selbstverteidigungssituationen ist der Tunnelblick eine nicht selten vorkommende durchaus nicht immer sinnvolle Erscheinung. Die Fixierung der Aufmerksamkeit auf den vermeintlich gefährlichsten Impuls kann ein verhängnisvoller Fehler sein, da man andere, vielleicht gefährlichere Umstände nicht mehr wahrnimmt. Als Beispiel sei hier die Fixierung auf den vermeintlichen Hauptangreifer genannt, während man die anderen Mitglieder einer Gruppe vernachlässigt. Ein Angriff aus dieser Gruppe heraus hat dann in der Regel verhängnisvolle Folgen für den Verteidiger, da er deren Angriff zu spät oder gar nicht wahrnimmt.
Die Wahrnehmung des als „gefährlich“ eingeschätzten Reizes ist jedoch nur der erste Schritt. Entscheidend ist in dieser Phase auch, ob das Gehirn den Reiz als „neu“ klassifiziert, sprich die Art der Bedrohung für den Verteidiger eine neue Erfahrung darstellt. Die Kombination des Reizes von „gefährlich“ und „neu“ machen die Hochstressphase aus, die in diesem Fall unweigerlich folgt.
Die Wahrnehmung eines Hochstress- verursachenden Reizes macht eine Entscheidung notwendig, die vom Gehirn einen gewissen Entscheidungsaufwand erfordert. Am Beginn dieser Entscheidungsphase kommt es jedoch erstaunlicherweise zunächst zu einem absoluten Handlungsstillstand, der sogenannten „vagotonen Schockphase“ („Schrecksekunde“.). In dieser Phase geht das Erregungsniveau sogar noch nach unten, bevor es, nach Überwinden dieser Phase geradezu explosionsartig ansteigt. Gleichzeitig führt die vagotone Schockphase zu einem absoluten Handlungs- (sprich Bewegungs-) stillstand.
Die Dauer dieser Schockphase ist unterschiedlich und kann zwischen 0,6 und 20 Sekunden dauern. Beeinflusst wird die Dauer der Schockphase hauptsächlich von den nachfolgenden Faktoren:
- Wie gefährlich und intensiv ist der Reiz ?
- Wie viele Informationen wurden zusätzlich zu dem Reiz gerade verarbeitet?
- Individuelle Erfahrungen, Bekanntheitsgrade, Einstellungen zu dem Reiz
- Handlungskompetenz hervorgerufen durch einen gewissen Trainingsgrad
- Momentaner Erregungsgrad, beeinflusst durch Vorerlebnisse, Angst, etc.
Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dies, dass je besser eine Person mit dem als gefährlich eingestuften Reiz „vertraut“ ist und je besser sie trainiert ist, umso kürzer ist die Dauer der Schockphase.
Negativ auf die Dauer der Schockphase wirken sich in diesem Zusammenhang auch Erlebnisse aus, die mit gravierenden Folgen verbunden waren (etwa mit schweren Verletzungen u.ä.).
Entspricht der als gefährlich eingestufte Reiz einem solchen Erlebnis, so ist mit einer starken Verlängerung der Schockphase zu rechnen, die auch in einer totalen Handlungsunfähigkeit enden kann.
Als Beispiel sei hier eine Gewalterfahrung angeführt, die das Opfer des Angriffs bereits gemacht hatte. Frauen, welche beispielsweise Opfer einer Vergewaltigung wurden, geraten häufig, bei einer Situation, die der Situation der Vergewaltigung in etwa entspricht, in eine komplette Schockstarre, unfähig sich auch nur zu bewegen, geschweige denn, sich im Bedarfsfall zu verteidigen.
Welche Folgerungen lassen sich aus diesen Erkenntnissen für ein reales Selbstverteidigungstraining ziehen?
Zunächst muss festgestellt werden, dass jede Form einer aggressiven Auseinandersetzung für einen Normalbürger eine absolute Ausnahmesituation darstellt, die er zumeist noch nie erlebt hat. Verstärkt wird diese Wirkung noch, wenn die aggressive Bedrohung durch eine Waffe unterstützt wird (Messer, o.ä.).
Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie sich ein eher konventionelles Kampfsporttraining auf die Länge der Schockphase auswirkt, da wie wir ja nun wissen, dass Training die Länge der Schockphase verkürzen kann?
Da sich in den meisten Fällen das Training in einem solchen Fall auf das Einstudieren von Techniken, entweder als reines Techniktraining (z.B. richtiger Fauststoß), oder als Reaktion auf einen bestimmten Angriff in einer sterilen Dojo-Atmosphäre reduziert, bleiben die für die Länge der Schockphase in einer aggressiven Auseinandersetzung wichtigen Faktoren im normalen Kampfsporttraining nahezu unberücksichtigt.
Diese sind vor allem:
- Die Aggression des Angreifers die dem Verteidiger plötzlich deutlich macht, dass er bei dieser Auseinandersetzung mit schweren Folgen rechnen muss.
- Die völlig atypische Umgebung und Situation (z.B. enge Räumlichkeiten, viele Personen, schlechte Lichtverhältnisse ...).
- Die reale Konfrontation mit einer echten Waffe (z.B. Messer und kein Gummimesser, wie im Training).
Folgerungen der Erkenntnisse für das Training in der Selbstverteidigung:
Ziel eines realistischen Selbstverteidigungstrainings in dieser Phase muss es sein, durch Simulation verschiedener Situationen die Trainierenden mit den entscheidenden Faktoren einer aggressiven Auseinandersetzung zu konfrontieren, um sie quasi damit „familiär“ zu machen.
Bestenfalls kann dadurch erreicht werden, dass die Trainierenden eine tatsächliche aggressive Situation nicht mehr als Hochstress-Situation empfinden, da sie ähnliche Erfahrungen bereits im Training gemacht haben und der Reiz nicht mehr als völlig neu und auch nicht mehr als derart bedrohlich klassifiziert wird. Wird die Situation jedoch nicht mehr als Hochstress-Situation empfunden, entfällt auch die „vagotone Schockphase“ und Reaktionen auf die aggressive Annäherung können unmittelbar erfolgen.
Möglichkeiten im Training sind dazu:
- Verlegung des Trainings in unbekanntes Terrain (Kneipe, außer Orts, Parkhäuser, etc.)
- Training unter schlechten Sichtverhältnissen und in konventioneller Kleidung
- Erstellen von sogenannten „Parcouren“ z.B. im Wald mit verschiedenen Angreifern und häufigen Angriffsformen
- Plötzliches Nutzen von täuschend echten Waffen (z.B. ein stumpfes Metallmesser) beim Angriff, ohne den Verteidiger vorher einzuweihen
- Durchführung von Rollenspielen (z.B. in einer Kneipensituation), die den langsamen (realistischen) Aufbau einer aggressiven Bedrohungssituation erlauben, ohne dass der Verteidiger Kenntnis vom Ablauf hat
- Simulation echter Aggression durch den Angreifer (kein steriler Angriff) unterstützt durch dessen Anonymität (Täter maskiert)
Es zeigt sich hierbei auch, dass ein Lehrer in der Selbstverteidigung unbedingt Erfahrung in diesem Bereich besitzen sollte, da sonst verschiedene Übungsszenarien, aufgrund fehlender Erfahrungen, nicht realistisch dargestellt werden können.
Die bloßen physischen Fähigkeiten eines Selbstverteidigungs-Lehrers reichen für ein realistisches Selbstverteidigungstraining jedenfalls nicht aus.
Das Training im Systema bietet überdies gegenüber anderen Trainingssystemen und Kampfkünsten den unschätzbaren Vorteil, dass es durch die vermittelte Basis der korrekten und gezielten Atmung entscheidenden Einfluss auf die psychische Gesamtsituation des Verteidigers nehmen kann, selbst dann, wenn es sich um eine neue und bedrohlich erscheinende Situation handelt.
Ich selbst habe im Lauf meiner Tätigkeit bei einer Spezialeinheit der Polizei vor gefährlichen Zugriffssituationen die Erfahrung machen können, dass durch die im Systema erlernte, gezielt eingesetzte Atmung, mein Stressfaktor erheblich reduziert werden konnte, mit der Folge, dass ich auch in größerem Tumult die Übersicht behalten oder auf etwaige besondere Situationen adäquat reagieren konnte.
Durch die korrekt angewandte Atmung ist es dem Verteidiger möglich, innerhalb kürzester Zeit seinen ansteigenden Stresspegel selbst so zu korrigieren, so dass dieser nicht den Level einer Hochstress-Phase erreicht, mithin also die zuvor beschriebenen Ausfallerscheinungen gar nicht erst auftreten.
Wie wir gesehen haben, ist dies vor allem dann von unschätzbarem Vorteil, wenn es sich um eine Situation handelt, die vom bisherigen Erfahrungsschatz des Verteidigers noch nicht erfasst wurde und somit ohne die Einflussnahme durch die Atmung mit Sicherheit zu einer „vagotonen Schockphase“ mit all ihren negativen Auswirkungen führen würde.
